Tageslosung

Hier legen ab sofort täglich die Pfarrerinnen und Pfarrer des Dekanats Tageslosung und Lehrtext aus. Für Gründonnerstag, den 9.4.2020, schreibt Pfarrerin Victoria Fleck:

Es kommt eine Zeit, spricht Gott, da werden die Menschen von Stadt zu Stadt ziehen und immer mehr Menschen werden sich ihnen anschließen, einem Ziel entgegen: Jerusalem. Der Ort, an dem Gott wohnt. Der Ort, an dem jeder Mensch Gott anflehen kann. Der Ort, an dem sich Gott im Tempel von den Suchenden finden lässt.

Lasst uns gehen, den HERRN anzuflehen und zu suchen den HERRN Zebaoth“ werden die Menschen sagen und viele werden antworten: „wir wollen mit euch gehen.“ (Sacharja 8,21)

Mitreißend wird die Suche nach Gott sein. Das Pilgern zu Gott. Zehn Männer mit zehn Muttersprachen werden sich an den Rockzipfel eines jüdischen Mannes hängen, und sagen: „Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist.“

Gott zu suchen geht am schönsten in der Gemeinschaft. Es ist so viel leichter, sich mitreißen zu lassen von Menschen, die wissen, wo sie Gott finden können; die einen dorthin mitnehmen können, wo Gott ihnen nah ist; die erzählen, wie gut es tut, Gott anzuflehen und Hilfe von Gott zu erwarten.

Gemeinschaft in der Gottsuche, Gemeinschaft im Gebet – all das erlebe ich auch heute, wo Gemeinschaft eigentlich nur noch in der Familie erlaubt ist. Es ist nicht dasselbe, wie gemeinsam in der Kirche Gottesdienste zu feiern, aber auch die gefühlte Gemeinschaft jeden Abend um 19 Uhr von Kerze zu Kerze hilft mir, mich mitreißen zu lassen und gemeinsam Gott anzuflehen, Gott zu suchen und zu finden.

Wir wollen mit euch gehen – In diesen Tagen gehen wir den Weg Jesu und seiner Jüngerinnen und Jünger mit, gehen mit unseren Gedanken und Gefühlen die letzten Tage mit, als seine Freunde. Wir lassen uns mitreißen vom Jubel an Palmsonntag und folgen Jesus auch nach dem Abendmahl am Gründonnerstag hinaus an den Ölberg: Als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg. (Markus 14,26) Denn wir vertrauen darauf, dass auch dort Gott mit uns ist – in der Einsamkeit und Verzweiflung der Nacht, im Leiden, das uns Menschen nicht erspart bleibt, nicht einmal Jesus Christus.

Heute Abend wird es besonders schmerzlich sein, dass die vertraute Gemeinschaft der Menschen, die Gott suchen, nicht im Abendmahl miteinander vereint ist. Ich will in Gedanken mit vielen Menschen an meinem Tisch sitzen und Gott anflehen, dass er mit uns ist und bei uns bleibt in der Feier, aber auch in der Verzweiflung der Nacht.